Architektur aus Stahl und Glas

Die Crystal Palace Company

Vorgeschichte

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Joseph Paxton (1803-1865)

Mitte des 19. Jahrhundert ist das viktorianische England in vollem Aufbruch. Das Land hat sich im Laufe der Industriellen Revolution zur klar führenden Macht in Wirtschaft, Militär und Technologie aufgeschwungen. Um diese Rolle zu unterstreichen und als Antwort auf die erfolgreiche französische „Exposition“ von 1844 plant die Society of Arts, eine Verbindung britischer Banker und Industrieller, eine Weltausstellung zu veranstalten. Hier sollen britische Produkte im direkten Vergleich mit internationalen Konkurrenten gezeigt und ihr Qualitätsniveau verdeutlicht werden.

Diese sechs Monate dauernde „Great Exhibition of the Works and Industry of All Nations“ soll nun  eine  im Londoner Hyde-Park durchgeführt werden. Die Schirmherrschaft übernimmt Prinz Albrecht, der Gemahl von Königin Viktoria. Diese Ausstellung wird mit Recht als erste Weltausstellung der Geschichte genannt werden, da hier, im Gegensatz zur französischen Exposition, nicht nur heimische, sondern auch ausländische Aussteller eingeladen sind. Die für die Organisation der Ausstellung zuständige königliche Kommission führt eine öffentliche Subskription durch. Diese bringt den spektakulären Betrag von rund £350’000 zusammen.

Der Crystal Palace im Hyde-Park

Lange umstritten sind die geplanten Räumlichkeiten der Ausstellung im südlichen Teil des Londoner Hydepark. Nach verschiedensten, allesamt abgelehnten Vorschlägen droht dem Projekt weniger als 12 Monate vor geplantem Beginn das frühzeitige Scheitern. In höchster Zeitnot erhält schliesslich der Architekt Joseph Paxton (1803-1865) den Auftrag zum Bau der Ausstellungsräumlichkeiten. Damit geht die Kommission eine grosses Risiko ein, denn Paxton hat sich bislang nur als Gartenarchitekt mit Wasserspielen und grossen Gewächshäusern einen Namen gemacht. Paxton hingegen zeigt sich als äusserst fähig: In der Rekordzeit von zehn Tagen unterbreitet er das Projekt eines für die damalige Zeit architektonisch völlig revolutionären Baues, der erstmals die technischen Neuerungen der anlaufenden industriellen Revolution im Bau ausnützt: einen Palast aus Gusseisen und Glas.

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Erster Entwurf des Crystal Palace durch Joseph Paxton während der Zugsreise auf der Manchester, Buxton, Matlock and Midlands Junction Railway

Der Bau ist in den Dimensionen gewaltig und nur mit der völlig neuen Modul-Fertigungstechnik möglich. Die Konstruktion mit einem Hauptschiff von 563 Metern Länge und bestehend aus 3300 Eisenträgern erlaubt den vollständigen Verzicht auf tragendes Mauerwerk. Die Verkleidung besteht fast gänzlich aus grossflächigen Glasfenstern, einen Material, das bis vor kurzem als Luxusprodukt galt und mit hohen Steuern belegt war. Der Bau benötigt 83’600 m2 Glas in Form von genormten Platten im Format 124 x 25 cm. Diese Menge stellt ein ganzes Drittel der damaligen Jahresproduktion Englands dar. Der Transport dieser Glasplatten aus dem fast 200 km von London entfernten Birminigham ist nur möglich mit der seit wenigen Jahren existierenden Eisenbahn. Im Hyde-Park müssen diese Glasplatten nur noch zusammengesetzt werden. Dies ermöglicht, dass der gesamte Bau in der spektakulären Zeit von nur vier Monaten errichtet werden kann.

Video über den Bau des Crystal Palace

Um drei grosse alte Ulmen des Hyde-Parkes zu erhalten, wird der Bau zusätzlich mit einem Tonnendach von 20 Metern Höhe versehen. Eine Rücksichtnahme auf die Natur, welche sehr zur Popularität des Gebäudes beiträgt und gleichzeitig dem Inneren eine ganz spezielle Atmosphäre verleiht. Sogar das Baubudget von £ 150’000 kann genau eingehalten werden. Schnell wird der Bau durch die Presse als „Crystal Palace“ betitelt.

Die erste Weltausstellung

Planmässig kann Queen Viktoria am 1. Mai 1851 die Weltausstellung eröffnen. Die Ausstellung ist ein eigentlicher Erlebnispark der technischen Faszination, gepaart mit dem Charakter eines grossen unterhaltsamen Jahrmarktes. Auf mehr als 90’000 m2 zeigen 14’000 Aussteller über 100’000 Exponate. Darunter sind die neuesten Erfindungen, wie Druckmaschinen, Kameras, Lokomotiven, Mikroskope und Erntemaschinen, aber auch Kuriositäten wie ausgestopfte Elefanten, exotisches Kunsthandwerk und Marmorstatuen. Die Hälfte der Aussteller kommt aus Grossbritannien, die andere Hälfte aus insgesamt 94 Staaten, Kolonien und Fürstentümern. Der deutschsprachige Raum ist durch Preussen, Oesterreich, Sachsen, die Schweiz und den Zollverein vertreten.

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Die Eröffnungszeremonie der Weltausstellung im Inneren des Crystal Palace durch Königin Victoria

Die Veranstaltung wird ein Riesenerfolg: London erlebt einen noch nie gekannten Zuschauerzustrom. Täglich reisen tausende Besucher aus allen Teilen der britischen Inseln oder vom Kontinent mit verbilligten Eisenbahntarifen an. Schon für den Besuch der Baustelle haben Neugierige bereitwillig fünf Shilling Eintritt bezahlt. Nun kanalisieren variable Eintrittspreise die Besucherströme. Man kann sich aussuchen, ob man für teures Geld ungehindert die Ausstellungsräume geniessen oder lieber am 1 Shilling-Tag das Bad in der Menge nehmen will. Schliesslich strömen während der sechs Monate mehr als sechs Millionen Menschen in das neue Weltwunder. London erlebt grosse, bislang praktisch ungekannte Verkehrsstaus. Täglich sind mehr als 6’000 zusätzliche Polizisten im Einsatz. Grossbritannien demonstriert Pracht und Macht seines Empires. Die politische Botschaft ist nicht zu übersehen: „In Industrie und Wirtschaft ist Grossbritannien führend in der Welt und die Zeit des Protektionismus und der Schutzzölle ist vorbei“.

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The Crystal Palace for the World’s Show in London 1851

Auch finanziell ist die Ausstellung ein grosser Erfolg. Der Veranstalter erzielt einen Gewinn von £ 170’000 und damit eine Rendite von fast 50 Prozent. Mit diesem Geld wird ein riesiges Areal in Kensington südlich vom Hyde Park gekauft. Dort entstehen in der Folge Institutionen, welche die Mission der Weltausstellung, die Bildung des Volkes in Sachen Kultur, Technik und Wissenschaft fortführen sollen und noch heute weltbekannt sind: die Royal Albert Hall, das Imperial College of Science and Technology, das Natural History Museum und das Victoria & Albert Museum, in dem übrigens noch heute eine eigene Abteilung dem Crystal Palace gewidmet ist.

Die Crystal Palace Company

Gemäss Parlamentsbeschluss muss der Crystal Palace nach Abschluss der Aussstellung abgebrochen werden. Paxton gründet zusammen mit anderen Investoren am 17. Mai 1852 die „Crystal Palace Company“ mit einem Kapital von £500’000 in Aktien zu je £5. Diese kauft für £70’000 den Palace. Die Teile werden für den Bau eines doppelt so hohen zweiten Crystal Palace in einem Park in der Nähe von Sydenham Hill im Süden Londons benutzt.

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Die Gründeraktie der Crystal Palace Company von 1852

Die Aktie ist von George Grove (1820-1900) als Secretary unterschrieben. Grove ist schon 1850 der Sekretär der Society of Arts und übernimmt 1852 auch die Rolle als Sekretär der Crystal Palace Company. Seine wirkliche Liebe gilt jedoch der Musik: 1856 bis 1896 schreibt er die Programmhefte für die dortigen Konzerte. 1865 wird er Mitbegründer des Palestine Exploration Fund. 1882 wird er Direktor des Royal College of Music.

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Sir George Grove (1820-1900)

Der riesige Erfolges der Weltausstellung verführt die Initianten der Crystal Palace Company  dazu, den Aufbau viel zu optimistisch und kostspielig voranzutreiben. Am Schluss kostet der gesamte Bau fast £1.3 Mio. Auch die Öffentlichkeit ist vom Projekt begeistert. Der Aktienkurs steigt von dem ursprünglichen £5 bis auf schwingeleregende £130. Dies ermöglicht den zusätzlichen Finanzbedarf von £800’000 durch mehrere problemlose Aktienneuemissionen aufzutreiben.

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Der Crystal Palace in Sydenham Hill

Mit einem Monat Verspätung, kann am 10. Juni 1854 die Queen unter grossem Pomp diesen neuen Crystal Palace einweihen. Dieser „Palast des Volkes“, wie er bald bekannt wird, ist ein eigentlicher viktorianischer Themenpark: Ausgestellt sind u.a. Themen wie ägyptische, römische, chinesische und griechische Kunst, riesige Wasserspiele und der allererste Dinosaurierpark. Äusserst bekannt und beliebt sind die regelmässigen Feuerwerke im Park des Crystal Palace.

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Crystal Palace Company – 6% Perpetual Debenture Stock 1870er

Zwischen 1854 und 1884 beläuft sich die Besucherzahl auf jährlich rund 2 Million Personen. Dies trotz der damaligen strikten Beschränkung der Öffnungszeiten. Für den normalen Besucher darf der Crystal Palace am Sonntag nicht öffnen. Bloss Aktionäre dürfen an diesem Tag eingelassen werden.

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Crystal Palace Company – Ordinary A Stock 1879

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Crystal Palace Company – Ordinary B Redeemable Stock 1879

Königin Victoria und Prinz Albert sind regelmässige Besucher der Veranstaltungen. Auch ausländische Gäste wie Napoleon III (1855), der Türkische Sultan (1867), der Khedive von Ägypten (1869), der Schah von Persien (1873), Zar Alexander II (1874), der Sultan von Sansibar (1875), das Griechische Königspaar (1876) und der Deutsche Kaiser (1891) und viele andere Berühmtheiten besuchen den Park in seiner 82-jährigen Geschichte.

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Panorama des Crystal Palace Stadiums während des 1905 FA Cup Finals

Mit der Zeit wird dieser immer mehr Ort verschiedenster Sportveranstaltungen: 1868 wird der Crystal Palace Athletics Club gegründet. 1895 wird ein Fussballstadion errichtet, in dem bis 1914 der englische Cup Final stattfindet.

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Crystal Palace Company – Debenture Stock 1898

Die Gesellschaft „Crystal Palace Company“ selber ist jedoch bedeutend weniger erfolgreich. Unter der finanziellen Last des generösen Ausbaus leidet die Gesellschaft bis zu ihrem Ende: Sie wird nie richtig rentabel und kann nur in ganz guten Jahren eine Dividende auszahlen. Die Prognosen betreffend Besucherzahlen werden bei weitem nicht erreicht. 1866 kommen noch zusätzlich die Reparaturen der Schäden eines Brandes hinzu.

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Crystal Palace Company, £1 new preferred ordinary shares, 1907

1909 wird die Gesellschaft unter Konkursverwaltung gestellt und aufgelöst. Der Earl of Plymouth kauft die Konkursmasse und stellt diese dann durch eine öffentlichen Subskription der Nation zu Verfügung. Der Palast wird nun als erstes „Imperial War Museum“ benutzt.

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Einer der letzten Aufnahmen des Crystal Palace in 1936. Die imposante Konstruktion aus Eisen und Glas mit den beiden Türmen und den Gärten.

In der Nacht vom 30. November 1936 kommt jedoch das Ende: Das Gebäude brennt völlig ab. Es wird nicht mehr aufgebaut. Winston Churchill sagt, als er auf dem Weg vom Parlament von dieser Katastrophe hört: „This is the end of an age“ oder wie Bernard Shaw fast erleichtert in sein Tagebuch schreibt: „Queen Victoria is dead at last.“

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Der Brand vom 30. November 1936

Weitere Glaspaläste

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New York (1853),
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Dublin (1853
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Dublin (1853
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Madrid (1873)
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Owen Jones Uebersicht auf das geplante Austellungsgebäude in Paris – St Cloud 1860

Owen Jones (der Innendekorateur der Londoner Ausstellung von 1851) entwirft den Plan eines eleganten „Palais de Cristal Français“ im Pariser Schlosspark St. Cloud. Dieser wird jahrelang diskutiert, jedoch nie realisiert.

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Gründeraktie der Palais de Cristal Français 1880er Jahre

Die Weltausstellungen

Auch die Konzeption der Weltausstellung, als technische und kunsthandwerkliche Leistungsschau setzt sich durch. Weltausstellungen werden seit der Londoner Ausstellung 1851 in regelmässigen Abständen an verschiedensten Orten organisiert. Sie dauern rund drei bis sechs Monate. Die ersten Ausstellungen finden unter dem grossen Dach eines einzigen Gebäudes statt, ab der Pariser Ausstellung 1867, kann jedoch der Platzbedarf nur noch durch verschiedene, ländereigene Pavillons gedeckt werden.

Dieses Konzept der Länderpavillions hat sich bis heute erhalten. Weltausstellungen sind auch die Plattform für die Präsentation von unzähligen Weltneuheiten, wie die Espressomaschine und Zündhölzer (Paris 1855); Nähmaschinen (London 1862); den Flugkolbenmotor (Paris 1867); das Telefon (Philadelphia 1876); den Eisschrank (Paris 1878) und Lippenstift (Amsterdam 1883). Auch bekannte Bauwerke wie der Eiffelturm (Paris 1889) und das Atomium (Brüssel 1958) verdanken ihre Entstehung einer Weltausstellung.

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Bon à Lot der Exposition Universelle de 1889 25 Francs – Das historische Wertpapier der Eiffelturm-Weltausstellung

Quellen:
Beaver, Patrick.: „The Crystal Palace“ Guilford, 1970
Piggot, J.R.: „Palace of the People“, London, 2004
http://www.crystalpalacefoundation.org.uk

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